09. September 2022

DAS UNDENKBARE DENKEN? ENDSPIELE IN DER UKRAINE

DAS UNDENKBARE DENKEN? ENDSPIELE IN DER UKRAINE

Seit Dezember 2021 entwickelt das Bureau für Zeitgeschehen (BfZ) – in Zusammenarbeit mit dem German Marshall Fund of the United States (GMF) – kontinuierlich Szenarien zu den wachsenden Spannungen, später zum Krieg in der Ukraine und seinen Auswirkungen auf die globale Ordnung.

Das Ziel: „Das Undenkbare denken“ und verantwortliche Entscheidungsträger auf alle Eventualitäten vorbereiten. Auf der Grundlage von Dutzenden so genannter „Was-wäre-wenn-Szenarien“ beschäftigten sich Diplomatinnen und Analystinnen von beiden Seiten des Atlantiks mit den folgenden Fragen:

– Was sind die direkten und indirekten Konsequenzen der Invasion Russlands auf globaler Ebene und wie werden sich diese auf den westlichen Zusammenhalt und die laufenden russischen Kriegsanstrengungen auswirken?

– Wie positionieren sich dritte Akteure in dieser komplexen Situation und was sind potenzielle „blinde Flecken“ in unserer Analyse?

– Was sind mögliche Eskalationsmuster in diesem Konflikt?

– Was wäre, wenn der Krieg eine Pattsituation erreichte und zu einem weiteren eingefrorenen Konflikt würde?

– Wie wird das Endspiel in der Ukraine aussehen und welche Auswirkungen wird es auf die regionale und globale Sicherheitsordnung haben?


Zentrale Erkenntnisse:

In einem Patt-Szenario bestünde die ernste Gefahr westlicher Kriegsmüdigkeit, da den Staaten die Instrumente zur Sanktionierung Russlands ausgehen und die Menschen aufgrund wirtschaftlicher Härten zunehmend frustriert sein werden. Russland passt sich hingegen dem Druck an und erkundet neue Wege um Handel zu treiben, während Entscheidungsträger im Westen mit unzufriedenen Wählern konfrontiert sind.

Ein vollständiger ukrainischer Sieg, der die russischen Streitkräfte hinter die Grenzen von 2014 zurückdrängt, könnte eine Eskalation des Kremls zur Folge haben (etwa einen Einsatz von Massenvernichtungswaffen, Attacken auf Städte, Provokation von NATO-Mitgliedern) und eine entschlossene Reaktion der USA/NATO erfordern.

Ein umfänglicher russischer Sieg in der Ukraine und die Kontrolle über einen beträchtlichen Teil ukrainischen Territoriums würde die Welt in eine erneute Blockkonfrontation treiben, eine massive Aufrüstung (z. B. ein atomar bewaffnetes Polen) und – ironischerweise – einen geeinten Westen mit einem neuen kollektiven Sinn zur Folge haben.

Der Westen muss das Narrativ kontrollieren. Dieser Krieg wird nicht nur auf dem Schlachtfeld ausgetragen; je länger der Konflikt dauert, desto mehr wird er sich zu einem Wirtschaftskrieg, einem Wettstreit des (kollektiven) Willens und einem Kampf um die künftige Sicherheitsordnung in Europa und darüber hinaus entwickeln.